Inlineskaten blinder und sehbehinderter Menschen
 
Nürnberg Zeitung Artikel vom 8.10. 2007
Erste Deutsche Meisterschaft für Sehbehinderte im Speedskaten
Auf Rollen den Fahrtwind spüren
 

«Hoffentlich hält das Wetter.» Diesen Satz hört man auf der Rollschnellbahn des 1. FC Nürnberg am Valznerweiher häufig. Ein Blick nach oben verheißt tatsächlich nichts Gutes, weil große Wolken den Himmel verdunkeln. Der Stimmung an den Banden der Bahn tut das aber keinen Abbruch. Enthusiastisch werden die 24-jährige Martha Kosz und die 18-jährige Tanja Maul bei ihrem 3000-Meter-Lauf angefeuert. Rollen die beiden Skaterinnen bei ihren 15 Runden an der Masse der Zuschauer vorbei, hört man immer wieder grollenden Donner. Dieser hat aber nichts Bedrohliches und weist auch nicht, wie man angesichts der Wetterlage vermuten könnte, auf ein Gewitter hin. Familie und Freunde der jungen Skaterinnen erzeugen ihn, indem sie mit ihren Fäusten gegen die Blechbanden schlagen.

Für Kosz und Maul hat dieser Lärm eine ganz besondere Bedeutung. Die Sportlerinnen des 1. FCN Roll- und Eissport sind blind und können nur so erahnen, was sich außerhalb der Bahn abspielt. Die beiden kämpfen bei den ersten Deutschen Bahnmeisterschaften der blinden und sehbehinderten Speedskater, die das Speed-Team Nürnberg ausrichtet, um den Titel – und das auf der 300-, 500-, 1000- und 3000-Meter-Strecke.

In drei unterschiedlichen so genannten Startklassen nehmen Athleten im Alter von acht bis 60 Jahren teil. Kosz und Maul zählen als vollständig blinde Athleten zur Startklasse B1 und treten deshalb mit ihren Begleitläufern Hand in Hand an.

Seit Jahren schon pflegen Nürnbergs Speedskater enge Kontakte zum Zentrum für Blinde und Sehbehinderte in Nürnberg. Inzwischen trainiert auch eine Gruppe sehbehinderter Sportler mit dem Speed-Team und nimmt für den Verein an Wettkämpfen bis hin zur Marathondistanz teil.


Geschafft, aber glücklich: Die blinde Martha Kosz ist mit ihrem sehenden Begleiter Michael Müller viermal Deutsche Vizemeisterin geworden. Foto: Iannicelli

Schneller als erwartet

Dass Blinde inlineskaten können, und das sogar bis zu 20 Stundenkilometer schnell, haben die Sportler vom Speed-Team anfangs auch nicht gewusst. «Sie waren fasziniert, wie schnell wir fahren», erinnert sich Martha Kosz, die kurz nach ihrer Geburt im Brutkasten erblindete. Mit einem Grinsen im Gesicht erzählt sie von ihren ersten Versuchen auf rollendem Untersatz. Vor acht Jahren hat sich die ehemalige Schülerin der Blindenschule Nürnberg in den langen, glatten Kellerfluren des Internats zum ersten Mal auf Inlineskates gewagt.

Da Blinde sich die Bewegungen nicht von anderen abschauen können, fahren sie mit einem Begleitläufer, der sie an der Hand hält und ihnen so Tempo und Takt vorgibt. «Am Anfang war es am schwierigsten, das Gleichgewicht zu halten», erinnert sich Kosz. Auch für ihre Konkurrentin Maul war es zu Beginn «ein ungewohntes Gefühl».

Beide haben lange mit ihrem Internatsleiter Volker Springhart geübt. Als aktiver Speedskater beim Speed-Team erkannte Springhart, dass dieser Sport auch für Blinde geeignet ist – auch wenn er dabei oft auf Widerstand stieß. Mittlerweile sind zwei Drittel der Schüler der Blindenschule Inlineskater, und Nürnberg hat sich zum Zentrum des bayrischen Speedskatingsports für Blinde entwickelt.

Hand in Hand ins Ziel: Die blinden Speedskater brauchen sehende Begleiter, um den Kurs zu halten und um genügend Fahrt aufzunehmen. Foto: Iannicelli
Seit einem Jahr trainieren Kosz und Maul einmal pro Woche mit Begleitläufern des Speed-Teams. Den 40-jährigen Michael Müller, der Kosz begleitet, reizt am gemeinsamen Training «dass es etwas Sinnvolles ist und großen Spaß macht». Dabei helfen die Begleitläufer vor allem, Tempo aufzubauen. «Ohne sie ist man ziemlich langsam», stellt Kosz fest.

Knappe Rennen

Immer wieder aufs Neue ist es für die beiden blinden Skaterinnen eine tolle Erfahrung, mit hohem Tempo auf Rollen zu gleiten. «Es ist ein unheimlich schönes Gefühl», sagt Martha Kosz, und Tanja Maul liebt «den Wind», den man beim Fahren spürt.

Bei den Deutschen Meisterschaften in Nürnberg können sie dieses Gefühl auf der 3000-Meter-Strecke zum letzten Mal erleben. Lange liegen Kosz und ihr Begleitläufer Müller mit etwa vier Metern Abstand vorne. «Noch ist nichts entschieden», ruft FCN-Veranstalter Bernd Stottok ins Mikrofon. Unter dem Jubel der Zuschauer überholt Maul die sechs Jahre ältere Kosz drei Runden vor Schluss und baut ihren Vorsprung auf bis zu zwölf Meter aus. Auf der letzten Runde kommt Kosz zwar noch einmal bis auf wenige Meter an Maul heran, muss sich aber dann doch geschlagen geben. Tanja Maul hat sich in 9:18:99 Minuten einen Vorsprung von 63 Hundertstelsekunden und den Titel der Deutschen Meisterin erkämpft.

Und auch in den anderen drei Disziplinen siegt Maul. Martha Kosz wird viermal Vizemeisterin. Bei den Männern holen sich in der Startklasse B1 Matthias Landgraf und in der Startklasse B3 Steve Erben, beide vom 1. FCN, den Titel.

Nach 3000 Metern steigen Maul und Kosz ziemlich erschöpft aus der Bahn. «Wenn man die Inliner auszieht, sind die Beine immer total schwer», erzählt Vierfach-Meisterin Maul. Auch Kosz will sich «erst mal einfach nur hinsetzen». Für den grollenden Donner der Begeisterung ihrer Fans und den Wind, der ihnen jedes Mal um die Nase weht, nehmen sie die Anstrengung aber nur zu gerne in Kauf.

Nina Dinkelmeyer

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